Reisen beginnt bei mir mit einem Bauchgefühl. Irgendwann meldet es sich, schlägt mir Richtungen vor, Orte, Landschaften oder auch einfach nur ein Thema. Manchmal dauert dieses Hin und Her den ganzen Winter. Dann schickt es mich gedanklich einmal quer durch Deutschland, nur um am Ende doch wieder ganz woanders zu landen. Ich mache mir darüber längst keinen Stress mehr. Wenn die Zeit zum Aufbrechen gekommen ist, weiß ich, wohin die Reise geht.
Dieses Jahr war die Sache überraschend eindeutig: Die Nordsee sollte es sein. Ich unternahm zwar noch ein paar halbherzige Versuche, mein Interesse Richtung östliche Ostsee umzulenken, aber mein Bauchgefühl blieb stur. Nordsee. Punkt. Flensburg sollte dabei mein nördlichstes Ziel werden. Also begann die Planung meiner zweieinhalbwöchigen Reise Anfang Juni. Rosie, mein zweiter Minicamper, war reisefertig, während der alte Jimmy hoffentlich irgendwo in Afrika ebenfalls eine gute Zeit verbringt.
Los ging es bei klassischen 16 Grad und Regen. Das erste Etappenziel war Quedlinburg, das zweite Lüneburg und das dritte Husum. Drei Tage gemütliche Anreise in den Norden – genau mein Tempo. Schöne Stellplätze, hübsche Städte und die Vorfreude auf das Meer wurden mit jedem Kilometer größer.
Pellworm und das Wattenmeer
Am vierten Tag ging es mit der Fähre von Nordstrand auf die kleine Wattenmeerinsel Pellworm. Drei Nächte auf dem einzigen Campingplatz der Insel. Die Temperaturen bewegten sich zwischen 14 und 16 Grad, nachts wurde es mit sechs bis zehn Grad recht kühl. Für das Wattenmeer aber war es ideal! Gegen die nächtliche Kälte im Auto half meine Wärmflasche, gegen die Eisfüße nach der Wattwanderung 10 Minuten heiße Dusche. Ansonsten? Nicht viel. Natur, freundliche Menschen und ein Wattenmeer, das mich tief beeindruckt hat und ganz sicher lange in Erinnerung bleiben wird.
Mit der Fähre ging es nach 3 verzauberten Tagen zurück aufs Festland. Einen weiteren Tag verbrachte ich im Naturschutzgebiet Reußenköge – Beltringharder Koog auf einem kleinen Parkplatz mit Blick auf gefühlt Millionen Seevögel. Ob es tatsächlich so viele waren, weiß ich nicht. Laut genug wären sie jedenfalls gewesen. Bis zum Sonnenuntergang saß ich vor Rosie und hörte dem unglaublichen Geschnatter zu … und ehrlich gesagt auch noch die halbe Nacht.
Fischsemmel statt Stadtbesichtigung
Dann kündigte sich die erste Hitzewelle an. Und plötzlich wurde aus der entspannten Reise doch noch ein kleines Stück Planungsarbeit. Mit einem alten Hund unterwegs zu sein bedeutet, achtsam zu sein und kein Risiko einzugehen. Also landeten wir kurzerhand auf einem Campingplatz – diesmal auf der anderen Seite, an der Ostsee.
Flensburg wurde im Vorbeifahren mit einer Fischsemmel am Hafen abgehakt. Man muss schließlich Prioritäten setzen.
Anschließend ging es weiter bis in die Nähe des kleinen Ortes Pommerby. Dort verbrachten wir die erste Hitzewelle an einem fast menschenleeren Strand, der direkt hinter dem Campingplatz begann. Besser hätte es kaum sein können.
Auch die Sommersonnenwende meinte es gut mit uns. Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang zeigte sich das Wetter von seiner allerbesten Seite. Solche Tage muss man auskosten – und genau das habe ich getan, bin morgens kurz nach Sonnenaufgang an den Strand und in die ruhige See gesprungen und wieder in den Schlafsack gekrochen, um das Ganze 2-3 Mal am Tag zu wiederholen.
Nach sechs Tagen war es Zeit weiterzuziehen, es lag eine wunderschöne Zeit hinter uns. Tage am Meer, barfuß im Sand, mit viel Ruhe und langen Abenden. Eigentlich hätte ich problemlos noch bleiben können. Und trotzdem zog es mich weiter.
Dabei wurde mir etwas klar: Ich liebe das Reisen. Das Unterwegssein. Morgens aufzuwachen und zu überlegen, wohin der Tag mich führt. Neue Straßen zu fahren, neue Orte zu entdecken und nie so ganz zu wissen, was hinter der nächsten Kurve wartet.
Sechs Tage an einem Ort waren wunderschön, aber für mich fast schon zu gemütlich. Meine persönliche Wohlfühlgrenze an einem Ort zu sein, scheint bei maximal vier Tagen zu liegen. Wieder eine Erkenntnis.
36 Grad sind auch eine Reiseerfahrung
Die nächste Hitzewelle ließ nicht lange auf sich warten. Diesmal sollten die Temperaturen auf 37 Grad klettern.
Da war sie wieder, diese kleine innere Diskussion. Weiterfahren? Bleiben? Oder doch direkt nach Hause? Erst einmal innehalten.
Das Alte Land und die Lüneburger Heide lagen schließlich noch auf meiner Route. Irgendetwas sagte mir, dass alles gut gehen würde.
Hamburg umfuhr ich großzügig und setzte anschließend mit der Elbfähre über. Das dauerte zwar etwas länger als gehofft, aber Fähren haben bekanntlich ihre ganz eigene Vorstellung von Zeit. Die Fahrt durch das Alte Land war dafür ein echter Augenschmaus. Kilometerlange Obstplantagen, alte Höfe und kleine Dörfer – genau die Art von Landschaft, bei der man am liebsten ständig anhalten würde.
Während ich die Aussicht genoss, hatte Paula einen deutlich einfacheren Tagesplan: Nase vor die Klimaanlage und bloß nicht bewegen. Gegen 17 Uhr erreichten wir den Campingplatz in der Lüneburger Heide. Das Thermometer zeigte immer noch 32 Grad und aus geplanten 4 Übernachtungen werden nur 2. Die Hitze war einfach überwältigend. Der kleine Naturbadesee auf dem Campingplatz hatte inzwischen ungefähr die Temperatur einer heißen Hühnersuppe und sorgte eher für Schweißperlen als für Abkühlung. Also verbrachte ich den Tag überwiegend im oder vor Rosie – immer dort, wo gerade ein bisschen Schatten zu finden war. Paula hatte ihre eigene Strategie entwickelt: möglichst gar nichts tun. Ein Plan, der bei diesen Temperaturen durchaus nachvollziehbar war. Ein kleiner Ausflug in den frühen Morgenstunden zur höchsten Erhebung der Lüneburger Heide endete bereits nach einer Stunde. Paula war völlig erschöpft, und damit war klar: Jetzt musste ich eine Entscheidung treffen.
Zwei weitere heiße Tage auf einem aufgeheizten Campingplatz zu verbringen und anschließend noch das angekündigte Unwetter mit Hagel abzuwarten, fühlte sich einfach nicht gut an. Also packten wir am Abend zusammen und fuhren dem Sonnenuntergang entgegen nach Hause.
Manchmal ist Heimfahren genau richtig
Fünfzehn wunderbare Tage lagen hinter uns. Tage voller Wind, Watt, Vogelkonzerte, Fischsemmeln, Sonnenuntergänge und vieler kleiner Momente, die auf keinem Reiseplan stehen.
Ich habe das Unterwegssein wieder einmal in vollen Zügen genossen und komme mit jeder Menge guter Energie nach Hause. Vor allem aber mit dem beruhigenden Gefühl, genau im richtigen Moment die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Bei 37 Grad im Schatten noch ein Risiko mit Paula einzugehen, hätte diese Reise nicht schöner gemacht.
So rollen wir entspannt nach Hause. Rosie bekommt eine Pause. Paula streckt sich zufrieden auf ihrem Platz aus. Und ich? Ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wenn sich dieses kleine Reisekribbeln wieder meldet und mir die Richtung für die nächste Tour zuflüstert.




















































































